Drei Tage im Dezember
Frisch aus dem Tagebuch. »Ich schöpfe aus dem Dunklen.« Schwarz.

8. Dezember, Morgendämmerung
Ein weiterer Tag am Schreibtisch. Kribbeln im rechten Ringfinger, pochende Schläfen. Herzrasen ohne Grund. Der Kaffee ist nicht stark genug. Im Hintergrund: Dandos Stimme in Didn’t I. Ich frage mich, ob das, was ich fühle, Dringlichkeit oder Ungeduld ist. Ersteres ist angeboren, Zweiteres angelernt und beides vermischt ist wie ein Körper auf Amphetaminen.
Ich spüre die Zeit, als wäre sie Materie. Schwarz. Ich kann sie anfassen, kneten, ausdehnen, zusammenrollen, aber ich kann sie nicht aufhalten. Wie eine dunkle Wolke breitet sie sich über mir aus und saugt all die Luft auf, bis ich ersticke. Dann schwebt sie davon, flieht. Es fühlt sich an wie eine Obsession. Ständig denke ich an sie, als wäre sie ein Geist aus der Vergangenheit, ein Schatten oder eine innere Stimme. Eine zweite Persönlichkeit. In einem Traum versuche ich, sie einzuholen, doch je schneller ich laufe, desto langsamer werde ich. Bleischwere Beine. Panik dämmert in meiner Brust, Tränenpools füllen die Augen. Ich spüre das Ende, und das Ende spürt mich.
Ich bin besessen davon, Bedeutung in meiner Vergangenheit zu finden. So vieles davon fühlt sich wie zielloser Tatendrang an. Ich löse mich auf, wie eine Brausetablette in einem Glas Wasser. Ich brauche Ordnung, Struktur. Stecke mich in Schubladen, gib mir eine Richtung, eine Höhle, in die ich krabbeln kann, räume mich ein. Ich ertrinke in dieser Ambivalenz, gehe unter im Tumult.
Ich hole einen schwarzen Ordner aus dem Kasten, nehme den A4-Lebenslauf aus der Folie raus, gehe die Stationen Jahr für Jahr durch. Ein Leben, das einer Farbe unterlegen ist, reduziert auf ein paar Paragrafen. Was ich will, ist alles wegradieren, übermalen oder überkleben. Und wenn ich niemandem davon erzähle, was bleibt übrig? Das ist ein Tiefpunkt, ein Symptom von Größenwahn. Aber ich möchte weder lügen noch zensieren. Denn vieles Dringende wird oft runtergespielt, das Unwichtige aufgewertet. Ich möchte ein aufrichtiges Leben, und meine Wahrheit ist, dass ich nach Zeichen suche, dass nichts davon umsonst war. Ich suche im Vorabend und im Morgen, auf Tellern und in Spiegeln, auf der Schlüsselbeinhaut und in den Haarwurzeln. Im Dreck unter den Fingernägeln und in den Pupillen fremder Menschen. Ich suche nach Beweisen, dass es einen Sinn gab. Zahlreiche Versuche, die grauen Fäden zu enwirren und kein roter in Sicht. Noch nicht.
Nachmittag
Ich möchte wieder 11 Jahre alt sein, alles, was danach war, ausradieren und neuzeichnen. Meine Hände sehnen sich nach Farbflecken. Erdbeerrot. Erdbeeren im Beet. In einem Einschlagkrater meines Gedächtnisses befindet sich mein Opa. Ein Bild: Er steht draußen im Garten vor seinem Ferienhäusschen, das er Ziegel für Ziegel gebaut hat, und streckt mir seine Hand entgegen. Darauf: die größte, saftigste Erdbeere, die er vor meinen Cousins versteckt, um sie mir, der jüngsten Enkelin, zu schenken. Seiner Lieblingsenkelin. Ich mag es, für jemanden an erster Stelle zu stehen. Ein Grinsen, ein Augenzwinker, ein Geheimnis. Alles, was gewichtig ist, kommt im Dreierpack und bleibt zwischen zwei Menschen verborgen. Ich sehe Oma im himmelblauen Bikini aus Polyamid. Ihre gebräunte, schweißfeuchte Haut glänzt im Abendlicht, ihr Rücken ist verziert mit Sommersprossen, die kurzen wasserstoffblonden Haare leuchten grell. Mit den Armen auf den Hüften und geschlossenen Augen steht sie da, so lebendig und entspannt, den Kopf nach hinten gekippt, das Gesicht der Sonne zugewandt. Fleischspieße auf dem Grill, Wind auf der Haut, Ruhe in der Seele. Sie ist da. Ich bin da. Wir sind da.
Diese Erinnerungssplitter sind wie Götter, sie regieren meine Welt, geben mir Richtung und Zuversicht. Dich hat es auch zuvor schon gegeben. Dich hat es auch zuvor schon gegeben. Du bist da.
10. Dezember, Nachmittag
Ein neues Bild besucht mich: Ich stehe vor dem Flurspiegel in meiner Kindheitswohnung, kämme den strohblonden Pony durch, dann binde die schulterlangen Haare zu einem Pferdeschwanz. Der Magen grummelt, der Mund schmeckt nach in Kokos getauchten Schokobällchen vom Markt. Ich laufe raus aus dem Wohngebäude, über das Stadion in die Wohnung meiner Schulfreundin. Sie macht die Tür auf, nur in Pulli und weiße Strumpfhose aus Schurwolle gekleidet, lässt mich rein und läuft wieder weg. Ich setze mich auf die Bank des Garderobenschranks, Winterstiefel und Jacke noch an, und warte, bis sie in der Küche eine ganze Portion пельмени verdrückt hat. Sie darf sich nicht eilen. Sie muss in Ruhe zu Ende essen.
Es ist okay zu warten. Du versagst nicht, wenn du wartest.
Abend
Ich sehne mich nach der Sprache meiner Kindheit. Die Zunge ist tollpatschig und verirrt sich. Mit der Spitze berührt sie den Gaumen, streift über die Zähne, doch die Worte hören sich an, als wären sie zuerst zerbröckelt, dann zusammengeklebt worden. Sie sind knochenhart, werden mit jedem vergangenen Jahr zerbrechlicher. Überhaupt herrscht in meinem Kopf ein Sprachenkrieg. Drei Truppen, Worte sind Soldaten, die sich gegenseitig verwunden, erschlagen, erstechen, erschießen. Ich will, dass alle friedlich leben, sich verwurzeln, gedeihen. Ich will alles, gleichermaßen.
19. Dezember, Abend
Ich besuche P. in Wien. Wir sitzen im dunklen Wohnzimmer, die einzigen Lichtquellen: die Kette auf dem Bücherschrank und die Lichter auf dem Tannenbaum. Draußen hängt der Nebel seit Wochen wie Rauch über der Stadt. Im Zimmer ist die Luft stickig, es riecht nach Schweiß, Öl und Ofenhitze. Ich will alle Fenster aufreißen, die Wohnung mit Dezemberwind füllen, aber die grauen Vorhänge davor sind zu einem großen Knoten gebunden. Außerdem sind das Doppelfenster, und das Baby schläft im Nebenzimmer. Zwischen uns: die Küche. Ich koche Teewasser im Badezimmer, gieße es in zwei Tassen und stelle sie im Wohnzimmer auf den Tisch, neben dem Babymonitor. Ich trage zwei Teller mit Essen, das ich gekocht habe, aus der Küche ins Wohnzimmer: Ofenkartoffel mit Rosmarin und Oregano, Lachsfilets, Salat mit Paprika, schwarzen Oliven und geschälten Karottenstreifen.
P. und ich pressen unsere Gabeln in die Kartoffelwürfel und stellen uns Fragen, die wir uns noch nie gestellt haben. Wonach schmeckte deine Kindheit? Nach in Butter getauchten Schwarzbrotstückchen. Karamellisiertem Zucker auf dem Teelöffel. Warmer Milch mit Honig. Birkensaft (ich). Holundersaft (sie). Wonach roch sie? Zimt. Fliederwind. Teer. Mamas Apfelkuchen.
Irgendwann sagt sie, ich hätte eine Superpower in mir. Weil du so viel aus dir selbst schöpfst. Sie hat Tränen in den Augen. Das berührt mich, denn ich fühle mich schon lange so, als gäbe es einen Stau in mir. Oder als wäre meine gesamte Innenwelt erfroren, wie ein See im Winter. Ich warte jeden Tag darauf, dass er auftaut, dass die Strömung einsetzt, aber alles ist erstarrt. Pausiert. Auf Unendlichkeit.
Später auf der Couch, meine Beine auf ihren und eine an mich gerichtete Frage: Und Kinder? Und ich sage das scheinbar Unsagbare. Worte formen sich auf den Lippen, die Stimme folgt. Ich gebe zu, dass der Wunsch tief in mir schlummert, aber diese Art von Intimität mir Angst macht. Dass die Geburt mir Angst macht. Dass ich Scham verspüre, so abhängig zu sein, so ausgeliefert und entblößt. Dass ich mich vor meinem eigenen Körper schäme, und mich wiederum für diese Gedanken schäme. Für das natürlichste der Welt. Ich gestehe auch, dass ich den Glaubenssatz in mir trage, dass ich diese Erfahrung nicht machen darf. Dass etwas in mir gebrochen ist, unvollständig. Aber du bist doch so eine warme, fürsorgliche Person, sagt sie, schockiert. Ja, aber ich bin auch hässlich. Ich schöpfe aus dem Dunklen. Was sie nicht sagt: Aber Schwarz hat doch alle Farben in sich. Aus dem Dunklen kommt das Licht.

