Für die Zeit, die noch bleibt
Für Großes, Belangloses und alles Dazwischen.

… für den Samstagmorgen, weil noch ganze 24 Stunden vor Sunday Scaries vergehen müssen; frisch geduschten Körper im frisch bezogenen Bett; das Brummen der Kaffeemaschine und den Espresso, für den du Zeit hast; Lew Tolstois Sätze, Анна Каренина und die Fähigkeit, dieses Meisterwerk im Original zu lesen; Sätze, die etwas in deinem Gehirn verändern; Elena Ferrantes Lila; den Buchboxladen im Bötzowviertel, weil er auf dem Weg liegt und ein verlässlicher Stimmungsheber ist; den obdachlosen Mann, der jeden Tag an derselben Stelle an der Ecke Danziger Straße/Immanuelkirchstraße sitzt und mich höflich grüßt, auch wenn ich nie Kleingeld habe. Ich wüsste gern seinen Namen; Hendryk von Ocelot in Berlin-Mitte, der Gespensterfische als ein „arschgutes Buch“ bezeichnet hat; Wachskerzen von Grüne Erde, vor allem „Alpenluft“ und „Kaminfeuer“ und die Sehnsucht nach Alpenluft und einem echten Kaminfeuer; *Rona, die mir die Rolle der Denise aus George F. Walkers Theaterstück Problemkind zugeteilt hat, damit ich den faulen Teil meiner Seele zur Kunst machen kann; die astrologischen Jahresprognosen, die nie stimmen, aber etwas geben, woran man glauben kann; *Becca, die mich fit hält, obwohl ich ziemlich sicher bin, sie hasst mich; das himmlische Gefühl nach dem Genuss eines himmlischen Pisco Sour im Preeda, PBerg, Philipps Ceviche in Schöneberg und alle Mezcalitas in Mexiko-Stadt; Rosalías Lebendigkeit und Lux; Always See Your Face von Love; die ca. 300 Kindheitsbriefe in verstauten Kisten – die einzigen Relikte meines vergangenen Lebens; die unzensierten Tagebücher, die mich daran erinnern, dass ich auch vor 2004 existiert habe; die Firma, die den Flug nach Vietnam bezahlt; meine Vietnamesisch-Lehrerin Frau Ha, die 50 Jahre nach Ende des Vietnamkrieges von dem Moment erzählte, wie sie als Kind bei einer Bombardierung ihre Mutter verlor. Sie sprach mit Tränen in den Augen, die die Strenge aus ihrem Gesicht spülten und ihre Züge weicher machten. Plötzlich war sie wieder in Hanoi, ein Kleinkind und verängstigt. Ich bekam Stechen in meiner Brust. Nach der Stunde dachte ich daran, wie wohl meine Eltern als Kinder waren und dass ich noch nie ein Kindheitsfoto meines Vaters gesehen habe, ein aktuelles auch nicht, und dass meine Mutter erst Mitte zwanzig war, als ihr Vater starb, und das alles füllte mich mit tiefster Traurigkeit; die Menschen, die noch da sind und dass du ihnen Fragen stellen kannst; den warmen Regen im Sommer; den warmen Regen im Winter; den Schnee in den Tiroler Alpen; die kühlen, sonnigen Morgen und die schwülen, dunklen Nächte; den freundlichen und hilfsbereiten Tannenmann bei der Landsberger Allee, der aussieht wie James Hetfield mit Silberohrringen. Ich weiß nicht, ob er freundlich und hilfsbereit mit mir ist, weil er freundlich und hilfsbereit ist oder weil ich freundlich und hilflos aussehe; die bunte Lichterkette auf meiner Nordmanntanne; Menschen, die vom Besten ausgehen und anderen keine bösen Absichten zuschreiben; eBay, weil ich die verschollenen Memorabilien aus meiner Kindheit aufspüren kann; Menschen, die Fremde beim Sprechen sanft berühren; Freund:innen, die unseren Chat nicht archivieren, obwohl ich es tue; die perfekte Konsistenz eines Kartoffelpürees, ohne Klümpchen und nicht zu flüssig; Inges selbstgemachte Erdbeermarmelade; kleine Brüste und BH-loses Leben; den späten Mittwochabend im November, als mich Bekannte fragten, was die schönste Eigenschaft meiner besten Freundin sei, und ich sagte, dass mein Nervensystem in ihrer Anwesenheit zur Ruhe komme – und wie sehr alle über meine Beschreibung überrascht waren und meinten, ich müsse ihr das unbedingt sagen. Zwei Stunden später verließ ich das schicke Frederick’s beim Potsdamer Platz, lief in die windige Kälte hinaus und sprach ihr eine Nachricht drauf. Weil sie ein Baby hat, antwortete sie erst spät am nächsten Tag, sagte, wie glücklich sie sei, dass sie weinen musste, und dass ihr ganzer Körper weich und warm werde, wenn wir zusammen sind; fürs denken und schreiben können und nichts sagen müssen; fürs denken und schreiben können und frei sprechen dürfen; jene, die interessiert sind und ehrlich zuhören; den Flugmodus; …, der namenlos bleibt und kein Pseudynonym bekommt, für seine Selbstverliebtheit und Arroganz und meine dadurch gewonnene Erkenntnis, dass Intuition auch täuschen kann; das befreiende „Oh“ in Can’t Nobody Love You Like I do von The Zombies; Kafkas Briefe an den Vater, die nette und geduldige italienische Hausärztin, die mir nie das Gefühl vermittelt, ich wäre verrückt oder hypochondrisch, obwohl ich ziemlich sicher sehr verrückt und sehr hypochondrisch bin. Frau Dr.in, ich habe so lange nach Ihnen gesucht; die Arztassistentin, die beim Blutabnehmen lieb war und mit ruhiger, mütterlicher Stimme flüsterte: Bald ist es vorbei; dass Nein ein vollständiger Satz ist; die Einsamkeit und große Ambitionen trotz eines durchschnittlichen Lebens; die kühlen Supermärkte im Sommer und die Wärme, die sich im Körper ausbreitet, wenn du wieder in die Hitze hinausgehst; den Moment beim Joggen, an dem du merkst, du könntest noch ewig weiterlaufen; den Blickaustausch mit jemandem, den du kennst, auf einer Party voller fremder Gesichter; den Moment bei einem Konzert, wenn das Licht erlischt und die Menge zu toben beginnt; die Leichtigkeit in der Schwere; fürs sich erinnern können; die Hoffnung und die Zeit, die noch bleibt; für Menschen, die das schreiben, was du dich nicht mal zu denken traust; fürs Lesen dessen, was Menschen schreiben, die aussprechen, was du dich nicht mal zu denken traust; für alle, die nie sagen du bist zu alt dafür; für alle, die das lesen und weiterleisen wollen; für Berlin mit all seiner Schönheit und Hässlichkeit und Rauheit und Reichtum; die Tränen, die von ganz tief unten kommen; fürs Loslassen und die Endlichkeit und die Neuanfänge; für Großes, Belangloses und alles Dazwischen; und für T.; und die Liebe; und Joan Didion;
und Eve Babitz, die mich inspiriert.

