Geständnisse aus dem Tagebuch
Beichten und Kalabrien.
Du hast die meisten, die dich privat mehr oder weniger gut kennen aus der Aboliste gelöscht, weil du gemerkt hast, dass du kaum noch schreibst. Und alles, was du schreibst, ist nur halb ehrlich. Du hast schon länger das Gefühl, es könnte damit zu tun haben. Wenn sie deine Beiträge zufällig entdecken, so be it, aber du musst nicht wissen, ob deine Mailbriefe geöffnet wurden oder im Papierkorb gelandet sind. Ob sie deine Worte okay, inspirierend oder lächerlich fanden. Deshalb schreibst du nicht.
Es hat dir trotzdem wehgetan, die Abozahl schrumpfen zu sehen. Auf den Knopf zu drücken, fühlte sich masochistisch an. Aber es war notwendig. Du hattest dich dabei beobachtet, wie du jeden verletzlichen Gedanken nicht zu Ende dachtest – oder, schlimmer noch, ihn durch eine Zensurschleife laufen ließest. Wie du aus jedem geschriebenen Wort, wie aus einer getrockneten Olive, zwanghaft einen Sinn pressen wolltest, obwohl du darin keinen sahst. Meistens, wenn du schreibst, gibt es keinen Mehrwert und auch keine größere Wahrheit. Das einzig Wahrhaftige geschieht, wenn du aus dem Bauch heraus Buchstaben zu einem Wort, dann zu einem Satz formst, und ihn schließlich zu Papier bringst. Alles andere ist Schein.
Du hast das Bedürfnis, etwas von dir preiszugeben. Du versuchst, dich daran zu erinnern, wann du das erste Mal gebeichtet hast.
Du bist acht Jahre alt und mit deiner Oma auf dem Weg in die Kirche. Ihr seid in Мосты, es ist ein früher Sonntagmorgen im Juni. Du schaust rauf auf die roten Ziegelsteine des orthodoxen Gotteshauses, ein großer und zwei kleinere Türme stechen hervor. Drinnen ist es kühl und es riecht nach Wachs und Kerzenrauch. Mit Herzklopfen wartest du in der Schlange, bis du an der Reihe bist. Du lässt die Jacke an und wünschst dir, du hättest eine Hose angezogen. Oma hatte darauf bestanden, dass du ein Kleid mit einem Kragen und eine Strumpfhose trägst. Aber nicht auf eine kontrollierende Art und Weise – es war ihr egal, was du anziehst. Sie fand dich einfach hübsch so, mädchenhaft, und du wolltest sie glücklich machen, weil sie sich um dich gekümmert und für dich gekocht hat. Als du vier warst, brachte sie dir das Lesen bei, und als du in Mathe Schwierigkeiten hattest, machte sie mit dir die Hausaufgaben. Später, als du in ein anderes Land gezogen bist und dein Leben sich verändert hat, hast du dich immer mehr zurückgezogen und sie vernachlässigt. Nun ist sie schon seit vier Jahren tot, und du wünschst dir, du hättest ihr mehr Fragen gestellt und ihr gesagt, wie wichtig sie dir war. In dem Dezember, als sie krank war, warst du viel im Wald spazieren, hast ihr Nachrichten geschickt und ihr gesagt, dass du sie liebst. Bis heute weißt du nicht, ob sie sie jemals gelesen hat.
Du stehst schon seit über einer Stunde und fühlst dich müde. Ein älterer Mann neben dir hat einen schwarzen Mantel an und flüstert ein Gebet. Ältere Menschen scheinen nie erschöpft zu sein. Du schaust dich um: Zwei oder drei Bänke stehen leer. Du möchtest dich hinsetzen, aber Oma erlaubt es nicht. Bald bist du dran. Du verlagerst dein Gewicht von einem Bein aufs andere, drückst zuerst die linke Hüfte nach außen, dann die rechte. Du siehst, wie deine Großcousinen eine nach der anderen zum Priester gehen und sich vor ihm verbeugen. Du findest den Anblick unangenehm, unheimlich. Was sagen sie ihm wohl? Ihr verbringt jeden Tag miteinander, und alles, was ihr tut, scheint harmlos zu sein. Du weißt, dass Надя die neongrünen Schuhe deiner Barbie eingesteckt hat – beichtet sie das gerade? Dir ist es egal, aber Gott vielleicht nicht. Die Schlange wird kürzer, und deine Aufregung steigt, also flüsterst du deiner Oma ins Ohr und erzählst ihr von deinen Sorgen.
Sag, dass du nicht für die Schule gelernt hast. Oder frech zu deiner Mama warst.
Die Antwort irritiert dich. Du willst widersprechen, sagen, dass doch gerade Sommerferien sind und dass du gar nicht frech zu Mama sein kannst, weil sie nicht da ist. Aber du kontertest nicht, runzeltest auch nicht die Stirn – das wäre eine Sünde. Als du dran bist, gehst du nach vorn zum Priester. Du beugst dich vor ihm, er legt dir sein Epitrachelion – ein langes Stoffband, das Priester um den Hals tragen – über den Kopf. Du wiederholst die Worte deiner Oma, sagst, du seiest frech gewesen und hättest nicht deine Hausaufgaben gemacht, und er spricht sein Lossprechungsgebet. Währenddessen fragst du dich, ob es eine Bestrafung Gottes gibt, wenn man beim Beichten lügt, oder zumindest eine verzerrte Wahrheit erzählt. Du fragst dich, ob es so etwas wie eine vorausgegangene Gnade gibt. Ob du dich jetzt schon für die unvermeidbaren Zukunftssünden bei Gott entschuldigen kannst. Das scheint dir effizient zu sein. Denn später wirst du oft dreist zu deiner Mutter werden und auch oft nicht für die Schule gelernt haben. Ob all die Beichten deiner Kindheit je das aufwiegen können, was du später falsch gemacht hast?
Du bist mittlerweile älter, und es gibt viele Dinge, die du loswerden möchtest.
Manchmal siehst du etwas Wunderschönes – wie einen Sonnenuntergang, einen Sternenhimmel, das Brechen der Wellen am Strand oder lachende Kinder –, etwas, bei dem man denkt, das Leben sei trotz aller Tristesse lebenswert, und fühlst dabei nichts. Es ist, als wäre der Kanal zwischen Kopf und Brust gekappt, als könnte dein Gehirn diese Signale dorthin nicht mehr transportieren. Als würde die Kommunikation zwischen den Zellen nicht funktionieren. Als wärst du fehlerhaft. Oder noch schlimmer: ungenügend. Manchmal stehst du einfach da – wie jetzt, direkt im Zeh von Italien –, blickst auf die Straße von Messina und wirst die Leere nicht los. Dann spürst du, wie sie von intrusiven Gedanken durchbohrt wird, während dir heiß und schwindlig wird. Schweiß tropft dir die Schläfen hinab, du riechst an deinen Achselhöhlen und fühlst dich ekelhaft. Du hältst es nicht aus und willst los, doch du setzt dich weiter unter Druck. So viele Menschen hätten nie die Möglichkeit, hier zu stehen, und du verschwendest diese Chance und deine Fähigkeit zu sehen. Mal wieder realisierst du, dass Karma ein Mythos ist. Manchmal, wenn alles um dich herum so unaushaltbar schön ist, wirst du besonders melancholisch – weil diese Schönheit vergänglich ist, ja, aber auch, weil dann die Hässlichkeit, die sich irgendwo in deinem Körper eingenistet hat, umso sichtbarer wird.
Es ist Abend und ihr esst ausnahmsweise im Hotelrestaurant. Du bist bereits seit sechs Uhr wach und seit acht Uhr auf den Beinen. Weil es auch in Italien im November früh dunkel wird, und das Leben draußen eine Pause vom Leben braucht, ist es okay für dich, einen Abend drinnen zu verbringen.
Ihr seid die Ersten dort. Der Raum hat große Bodenfenster, die zu dieser Tageszeit nur schwarze Rechtecke sind, und riesige, neonfarbige Blumenbilder, die auch ein Elfjähriger hätte malen können. Sie sind so penetrant und grell, dass es fast bedrohlich wirkt. Dir ist wieder unwohl dabei, bedient zu werden. Du brichst das Gespräch über uninspirierende Bücher ab, lächelst verlegen und versuchst, die Stille auszuhalten, während dir die Kellnerin zuerst acqua, senza gas – grazie –, dann vino bianco della casa – grazie – einschenkt. Du bestellst Thunfisch-Quinoa-Bällchen mit Creme und karamellisierten Zwiebeln aus Tropea. Sobald die Kellnerin in der Küche verschwindet, denkst du, dass sie und der junge Kellner, der nur lakonische Antworten gibt, über dich lästern.
Da ist sie wieder: diese selbstsabotierende Selbstbezogenheit.
Du sagst dir, du sollst nicht so viel darüber nachdenken, was andere von dir halten und einfach authentisch sein.
Du hasst das Wort authentisch. Und Journey. „Everyone’s on a ‘journey’“ heutzutage. Was soll das heißen? Auf einer Reise des Lebens? Auf einer Reise der Selbstoptimierung? „Der Weg ist das Ziel“, aber das sagen auch nur die Privilegierten. Diejenigen, die körperlich und mental gesund sind, die keine Einsamkeit kennen. Diejenigen, die ein Ziel verfolgen, einen Lebenssinn haben.
Am nächsten Tag fahrt ihr weiter. In der alten, verlassenen Siedlung Pentedatillo, wo die Häuser in die Felsen gebaut wurden und heute nur noch drei Menschen leben, findest du einen Touristenkiosk. Der ältere Verkäufer steht draußen und raucht gedankenverloren eine Zigarette nach der anderen. Er trägt einen Pferdeschwanz und hat eine Hautkrankheit. Du schaust dir seine Bücherauswahl an und entdeckst Journals of a Landscape Painter in Calabria von Edward Lear. Es kostet nur 15 Euro. Du willst es kaufen, legst es aber wieder zurück – du könntest es später auch online bestellen. Als du unterwegs nach dem Buch suchst, findest du nur ein einziges Exemplar, das aus den USA verschickt werden müsste und über 80 Dollar kostet. Du beeilst dich zurück ins Geschäft, doch bist zu spät: Der Mann fährt gerade auf seinem Scooter davon. Mittagspause. Mist. Vier Stunden später kehrst du zurück in der Hoffnung, dass er wieder da ist und hast Glück. Er steht draußen und raucht, du gehst hinein, nimmst das Buch und wartest an der Kasse. Er schaut dich lächelnd an und sagt etwas, das das Wort stamattina enthält. Du verstehst, dass er fragt, ob du schon mittags da warst. Glücklich, dass er sich an dich erinnert, antwortest du Si, si, quiero comprar el libro. Du weißt nicht, ob er dich versteht, da du nur Spanisch sprichst.
Zurück im Zimmer recherchierst du über Edward Lear. Er hatte einen Schnurrbart, eine runde Brille und einen Seitenscheitel. Er war Epileptiker, depressiv und gab Queen Victoria Zeichenunterricht. 1847 bereiste er Südkalabrien, begleitet von einem Freund und einem Esel wanderte er durch das Aspromonte-Gebirge und führte dabei ein Tagebuch. Du blätterst durch das Buch, suchst nach inspirierenden Beobachtungen von dem Geisterdorf, findest aber nur eine knappe Beschreibung von Felsen. Dafür gibt es eine Zeichnung, denn Lear war nicht nur Schriftsteller, sondern auch Maler.
Das muss schön sein, auf vielerlei Art talentiert zu sein. Eine Wahl zu haben. Du suchst vergeblich nach deinen eigenen Talenten, und als dir nichts einfällt, fühlst du dich deprimiert und legst den Stift weg. Dann kochst du dir einen Tee und denkst an den alten Verkäufer in Pentedatillo, der sich an dich erinnert hat.







Danke für deine ehrlichen Worte. Ich kann dich gut verstehen. Ich habe selbst einen zweiten Account angelegt, den ich niemandem verrate, weil ich hier Dinge schreiben kann, die niemand aus meinen Bekanntenkreis wissen soll. Warum öffentlich? Ich weiß es nicht. Irgendeine Resonanz braucht man wohl.
Der Bericht über die Beichte hat mich mitgenommen. Ich glaube nicht, dass Gott so etwas gewollt hätte. Der Gedanke der Beichte war doch ursprünglich, dass man in geschützem Rahmen mit jemandem über seine Sorgen und Fehler reden konnte und dann Gnade zugesprochen bekam. Vielleicht ist es genau das, was wir anonym online machen.
Aber Gott braucht keinen Mittelsmann. Zu ihm kann man direkt gehen. Und ja, es gibt vorausgegangene Gnade. Sogar 2000 Jahre vorausgegangen. Der Priester macht nicht, dass dir vergeben wird. Nur das Kreuz macht es. Und dafür musst du nicht eine Stunde in der Schlange stehen, sondern darfst es frei, wie ein Geschenk unter dem Tannenbaum mit deinen Namen drauf öffnen.
Ich wünsche dir sehr, dass du diese Freiheit und diesen Frieden an Krippe und Kreuz findest.
In anonymer Verbundenheit,
Rahab