I'll have to go on living and living and living.
Über den Wolken, zwischen den Kontinenten, am anderen Ende der Welt.

6. Januar, Dienstag, 11:30
T und ich laufen von Zimmer zu Zimmer, wechseln die Bettwäsche, schütteln die Sofakissen auf, packen Handykabel und Stifte in die Stoffbeutel. Meinem drei Monate älterem Ich zuliebe möchte ich die Wohnung ordentlich hinterlassen. Doch es bleibt immer etwas liegen, wofür ich keinen passenden Platz finde. Batterien, Haarspangen, Münzen, Papierfetzen, alte Bankomatkarten (warum habe ich noch die Karte von 2016 in meiner Schublade liegen?). Was davon brauche ich, was kann ich wegwerfen? Ich lege alles, was kein fixes Zuhause hat, in eine tiefe pinke Schale aus weichem Rattan. Keine Zeit, mich mit dem Teil meiner Persönlichkeit auseinanderzusetzen, der Dinge nicht loslassen kann. Oder auf den richtigen Platz legt. Die Hand auf dem Dyson, fahre ich mit schnellen, unruhigen Bewegungen über den cremefarbigen Wohnzimmerteppich und sauge den Dreck von den Kofferrollen auf. Alle dreißig Sekunden aktualisiere ich am Laptop, der offen auf der Couch liegt, den Posteingang. Jeden Moment wird die neue Fahne des Buchs reinkommen, die ich Korrektur lesen soll. Leider nicht meines Buchs. Noch nicht. Wir bleiben optimistisch. Ich muss sie noch vorm Flug runterladen, sonst wird „der Zeitplan gefährdet“. Okay. Ich hänge den Staubsauger zurück an seinen Platz hinter der Küchentür und rufe spontan M an. Sie nimmt den Videocall an, sichtbar verschlafen. Etwas stimmt nicht. Sie teilt mir mit, dass G mit Fieber im Bett liegt. 38,5. Sie nimmt das Handy mit ans Bett und hält es über ihn, schafft es aber nicht, die Kamera in einem passenden Winkel zu halten, sodass nur sein müdes Auge und ein Teil seiner blassen, schuppigen Wange zu sehen sind. G kämpft schon eine Weile mit gesundheitlichen Problemen; vor Weihnachten hat ihn der Arzt darauf hingewiesen, dass eine lebensbedrohliche Krankheit nicht auszuschließen ist, also macht er zur Sicherheit noch ein paar Tests. G klingt müde und krank und positiv. Sein Auge macht etwas mit mir. Es ist so klein und hilflos – ein ganz ungewöhnlicher Anblick. Während er spricht, beobachte ich halbkonzentriert die schmale Spalte zwischen seinem linken Ober- und Unterlid, wie sie sich schließt und wieder aufreißt. Er wirkt dabei wie ein kleiner Junge. Ich weiß, wie schwer es ihm fallen muss, die Augen offen zu halten, doch er versucht es immer wieder und wieder. Dieses Bild oder sein Kämfpergeist oder die Mischung aus beidem macht mich traurig, aber ich zeige es nicht, das wäre für alle zu verunsichernd. Sobald das Telefonat beendet ist, laufen mir die Tränen die Wangen runter, und ich bekomme ein schlechtes Gewissen, dass ich nicht vor Ort bin, werfe mir vor, dass ich sie alleine gelassen habe und dass es ein Fehler ist wegzufahren. Jean Rhys durchdringt meinen Kopf, sie sagt: Oh God, I am only twenty, and I’ll have to go on living and living and living, und ich bin irritiert, warum dieser Satz, und denke mir: bitte lasse ihn leben, leben, leben, ohne zu wissen, zu wem ich eigentlich bete. Ich wische die Tränen weg, intellektualisiere meine Gefühle, und in diesem Moment trifft das Arbeitsdokument im Postfach ein. Ich lade es runter, speichere es am Desktop und packe den Laptop in meinen alten Arbeitsrucksack aus schwarzem Faux-Leder. Danach ziehe ich in der Wohnung alle Kabel aus den Steckdosen heraus, prüfe den Ofen und stelle sicher, dass das Licht im Bad, Heizung und WLAN ausgeschaltet sind. Ein letzter Blick nach links, rechts. Für alles andere ist es zu spät. Beim rausgehen höre ich, dass die nervigen Nachbarn von unten gerade heimkommen, also bleiben wir mit den zwei riesigen Koffern, Rucksäcken und Stoffbeuteln eine halbe Minute an der Türschwelle stehen und warten, bis sich ihre Wohnungstür schließt.
Ich bin dankbar für den höflichen Fahrer, der keinen Redebedarf hat. Einen wie Roberto Benigni in Night on Earth würde ich jetzt nicht aushalten. Ich möchte nicht reden. Ich möchte schweigen und verstehen, was drei Monate in Ho-Chi-Minh-Stadt bedeuten. Ich habe mich bisher nicht emotional darauf eingestellt, irgendwas kam immer dazwischen – eine andere Aufgabe, Verpflichtung, Faulheit, Sorge. Aus dem Fenster blicken mir schneebedeckte Gebäude entgegen, und ich verspüre Sehnsucht nach Berlin, nach Entschleunigung, nach dem Winter in dieser Stadt. Das ist die Art von Sehnsucht, die erst eintrifft, wenn du begriffen hast, dass du weggehst. Die Sehnsucht, die in stille Scham eingehüllt ist, denn nur die Priviligierten können sich so fühlen. Ich evaluiere unsere Beziehung: Ist gerade ein guter Zeitpunkt, um wegzugehen? Schaffen wir es, eine Fernbeziehung zu führen? Ist das die richtige Entscheidung? Ich sage es nicht, wage es nicht mal zu denken, aber bitte, bitte Berlin, warte auf mich. Drei Monate sind nicht lang, aber lang genug, um etwas zu verlieren.
15:27
Kurz vor dem Abflug ziehen vier verschiedene Ängste gleichzeitig in mir auf: die vorm Fliegen, die um G, die vor der dringenden Deadline und die davor, sieben Stunden lang im Mittelsitz eingequetscht zu sein. T sitzt zu meiner Rechten am Fensterplatz, zu meiner Linken am Gang ist eine junge Frau, etwa Anfang zwanzig. Sie hat kurze, blondierte Haare mit einem Blaustich. Lächelnd wartet sie, bis ich meinen Rucksack im oberen Fach verstaut habe. Als ich fertig bin, sagt sie Hallo, und ich lächle zurück und sage Hallo, und wir positionieren uns schweigend auf unseren Plätzen. Sie schaltet auf ihrem Sitzlehnendisplay die Außenkamera des Flugzeugs ein, um den Abflug zu beobachten. Eine Masochistin. Sie ist jung und furchtlos. Ich lege den Kopf zurück, atme langsam ein und aus. Ein Gedanke drängt sich vor: Bitte lass uns lebendig ankommen. Ich muss diese blöde Fahne rechtzeitig einreichen. Was soll ich sagen, unsere Arbeitskultur hat mich traumatisiert.
15:32
Sobald das Anschnallzeichen erlischt, entspanne ich mich. Die Stewardessen im burgunderroten Outfit schieben ihre Rollwagen durch die Gänge, die ersten Passagiere stellen sich vor den Toiletten an, andere kramen etwas aus ihrem Gepäck in den Gepäckfächern. Das Leben an Bord geht ungestört weiter, als wäre es völlig normal, dass fast 500 Menschen gerade 12.000 Meter über den Wolken ans andere Ende der Welt fliegen. Meine Sitznachbarin schaut Film Club mit Aimee Lou Wood und nascht getrocknete Bio-Mangostreifen. Ich liebe Aimee Lou Wood, ich mag ihren vibe und ihre Zähne. Sie (meine Sitznachbarin, nicht Aimee Lou Wood) bietet T und mir ihren Snack an. Ich sage nein danke, finde die Geste aber süß und fühle mich gleichzeitig schlecht, meine LEIBNITZ Butterkekse ganz allein verdrückt zu haben. Nicht dass sie sie angenommen hätte; irgendwie habe ich das Gefühl, dass sie kein Gluten verträgt. Auf dem Bildschirm ihres Handys erscheint ein Foto von ihr und ihrem Freund, und wir kommen ins Gespräch. Sie heißt J und ist Animatorin. Vor einem Jahr ist ihr Projekt in Brasilien viral gegangen, seitdem wurden Firmen und Institutionen auf ihre Arbeit aufmerksam. Zurzeit ist sie freiberuflich, und ich sage, ich bin auch freiberuflich, und sie sagt, ja, aber ich will eine Anstellung, denn wie überlebt man sonst als Freie in dieser Wirtschaft. Sie fragt auch nicht, wie ich es mache, denn sie weiß, wie man Energie sparend einen Smalltalk führt, wieviel man fragt und von sich preisgibt. Aber die Jobsuche kann noch zwei Monate warten. Sie hat gerade erst ihr Studium abgeschlossen und fliegt zu ihrem Freund, den sie in Köln kennengelernt und sechs Monate nicht gesehen hat, nach Shanghai, wo er gerade ein Praktikum macht. Gemeinsam wollen sie reisen: durch China, Vietnam und Kambodscha; die anderen Orte habe ich vergessen. Sie wirkt so glücklich. Ich kenne dieses Gefühl gut, dass es übermäßig viel Zeit auf der Welt gibt.
Um 17:33 bekommen wir das Essen serviert: Hähnchen mit Nudeln, Salat mit Wildreis, Tomaten und Gurke, ein Stück Weißbrot und Kuchen, der schmeckt wie Red Velvet. Die hübsche brünette Stewardess mit dem elegangen Slick Bun kniet sich vor J nieder, geht irgendeine Liste auf ihrem Gerät durch und sagt mit einem britischen Akzent: You made a special order, miss? Ich wusste es. Die Flugbegleiterin reicht J ihr Gericht rüber und geht mit ihrem Rollwagen davon. J zieht die Plastikfolie ab, mustert eine Weile ihre Tortellini, dann fragt mich und T heiter, ob wir Bock auf ihr Essen hätten.
Es sieht fantaaaastisch aus.
Ich finde ihren gespielten Enthusiasmus etwas anstrengend.
Nicht glutenfrei? frage ich.
Nein. Ich bin, aber auch vegan und habe einfach auf Reis gehofft.
Ich sage, oh no, aber J ist unbekümmert und packt wortlos einen Glasbehälter aus dem Rucksack aus. Ich blicke auf ihre glutenfreien Nudeln, die hellgrüne, cremige Soße und fühle mich schlecht, dass ich Hähnchen gegessen habe. Gen Z must be judging. Wollt ihr? fragt sie noch mal und schiebt mir ihre Tortellini vor die Nase. Ich nehme ihr Essen und reiche es T weiter. Dafür bekommt sie unseren Wildreissalat.
Sie isst eine Weile genüsslich und lacht vor sich hin, Aimee Lou Wood hat eben diesen Effekt auf Menschen. Dann dreht sie plötzlich wieder den Kopf zu mir. Schnell wird klar, dass sie der Typ Mensch ist, der entscheidet, wann ein Gespräch beginnt und wann es endet. Sie fragt, was wir in Ho Chi Minh City vorhaben. Ich halte die Hand vor dem Mund, muss noch fertigkauen, also erzählt T als erstes von seinem Job, und ich erkläre danach schnell schnell mein Projekt. Sie nickt einmal, zweimal: Cool, reißt dann die Augen auf und sagt: Furchtlos. Eine Pause, ein Lächeln, keine Folgefragen. Ich bewundere Menschen, die immer nur das machen, worauf sie gerade Bock haben. J widmet sich wieder ihrer Serie und tippt mit dem Finger auf ihren rechten AirPod: Du kannst auch deine eigenen Kopfhörer benutzen, weißt du? Ich nicke nur, bin aber noch beim Satz davor. Furchtlos. Nein, furchtlos war ich nie. Ich bin voller Furcht, jeden Tag.
In Katar gelandet verabschiede ich mich von J. Gute Reise, danke, gutes Wiedersehen euch, danke. Ich werde den Blaustich in ihren Haaren vermissen. T und ich bedanken uns bei den Stewardessen, gehen raus aus dem Flugzeug und werden sofort von einer warmen, feuchten Luft empfangen. Ich weiß nicht, welcher Tag oder welche Uhrzeit es ist – nur, dass ich in Doha bin, dass es draußen dunkel ist und dass ich so müde bin, dass es mir völlig egal ist, was als nächstes passiert.
Irgendwann in Doha
Der Hamad International Airport hat einen tropischen Garten. The Orchard beherbergt 25.000 verschiedene Pflanzenarten und über 300 Bäume (das habe ich natürlich gerade gegoogelt), unter denen sich müde Reisende für ein kurzes Schläfchen niederlassen. Am Gate C22 sitzt ein Backpacker in Flipflops mit einer orangefarbenen Tasche, die ihm über der Schulter hängt. Er wirft ein Pulver in seine Wasserflasche. Vitamin C? Ich will Vitamin C. Ich brauche Vitamin C. Er wirkt aufgeweckt, die meisten hängen aber kraftlos am Handy, dösen, lesen oder essen. Im Hintergrund ein Sprachgemisch: Ich erkenne Deutsch, Russisch, britisches Englisch, amerikanisches Englisch, Spanisch. Weil mir im Gegensatz zu J die Regeln des Smalltalks fremd sind und ich zu neugierig bin, google ich „J Animation Berlin“ und stoße nach zwei Versuchen auf ihre Website und ihr Instagram-Profil. In einigen Fotos und Videos trägt sie eine grüne Strumpfhose und eine Haarspange in Karottenform und präsentiert Miniaturen, die sie selbst gebastelt und im Anschluss animiert hat. Mit Anfang zwanzig sieht J so selbstbewusst aus, wirkt so bei sich. Als ich in ihrem Alter war, sagte ich zu allem ja, lächelte und kicherte blöd, wenn ich unsicher wurde, und hatte keine Ahnung, was für ein Leben mich erwartet. Ich wusste nur, dass ich schreiben und ganz weit weg wollte. Damals floh ich nach Costa Rica, jetzt nach Ho Chi Minh City. Nur dass ich diesmal nicht fliehe. Hoffe ich zumindest.
2:45, im Flugzeug
T sitzt im Mittelsitz vor mir, ich direkt hinter ihm. Beim Start schließe ich die Augen, mache Atemübungen und warte, bis das Signal zur Anschnallpflicht erlischt. Ich mache die Augen erst auf, als mich die Stewardess fragt, ob ich etwas trinken möchte. Ich sage: Orange juice, please. Dann, in letzter Minute: And white wine, please. Daraufhin nimmt sie eine Flasche aus ihrem Rollwagen, hält sie über den Mann, der links neben mir sitzt, und sagt: We can offer you a Sauvignon from South Africa. Ich muss schmunzeln und merke, dass der Mann es ebenso amüsant findet. Klar, ich nehme gern den Sauvignon aus Südafrika. Alles, was meine Flugangst lindert. Ich möchte mich betrinken und einen Filmmarathon starten, fühle mich aber schlecht dabei, meinen inner alcoholic rauszulassen, weil ich noch die Fahnenkorrektur machen muss. Die wichtigste Korrektur, bevor das Buch, nicht mein Buch, in Druck geht. Der Laptop ist aber irgendwo hinter dem Vordersitz verstaut, und ich kann mich kaum bewegen, es ist so eng und unbequem und meine rechte Arschbacke ist eingeschlafen. Ich bin im Dazwischen, ich bin unerreichbar, ich bin über den Wolken, und ich spüre nur meine linke Arschbacke. Ich scrolle durch die Filmliste der „Hollywood“-Kategorie und bleibe bei Winter, Spring, Summer, or Autumn hängen. Eine Teenie-Romcom mit Jenna Ortega und Percy Hynes White. Ich mochte Percy Hynes White in My Old Ass. Ich mochte seine Rolle fast so gern wie den Filmtitel My Old Ass.
2 Stunden später
Winter, Spring, Summer, or Autumn ist süß, doch aufgrund der strengen Zensurregeln in Katar wurden sämtliche expliziten Inhalte entfernt. Immer wenn das Wort Sex fiel, war der Ton stummgeschaltet, und die intimen Szenen fehlten vollständig. Dadurch wirkte der Film etwas kahl und unfertig. Ich hätte es gern gesehen, wie sich Remi und Barnes am Ende küssen; stattdessen starrten sie sich verlegen in die Augen, bis das Bild langsam ausgeblendet wurde. Unbefriedigend.
Die Vernunft siegt über die von Müdigkeit getränkte Faulheit, und ich packe meinen Laptop aus. Im Flugzeug ist es dunkel, und das grelle Bildschirmlicht irritiert meine Augen. Sie fühlen sich schwer an, aber ich bin unfassbar konzentriert und gleichzeitig überrascht, wie schnell ich die Texte im auf 150% gezoomten PDF Zeile für Zeile durchgehe. Ab und zu blicke ich auf. Der junge Typ am Fensterplatz ist vielleicht 21. Er schaut keinen einzigen Film, stattdessen starrt er seit Stunden entweder aufs Handy oder auf den Laptop. Am Handy hört er sich das Gequatsche von Elon Musk an, der im Joe Rogan Podcast Gast ist, am Laptop schneidet er ein Promo-Video mit Premiere Pro. Er trägt eine knielange hellgraue Hose und ein schwarzes T-Shirt mit der Rückenaufschrift „EFT Bitcoin Press“.
Mittwoch, Ho Chi Minh City
Es ist 03:09. Vor einer Stunde wachte ich im fremden Zimmer auf, das für drei Monate mein Zuhause sein wird, und kann seitdem nicht mehr einschlafen. Der Hals fühlt sich trocken an, ich will die Klimaanlage runterdrehen, bin aber zu müde, um aufzustehen. Der Raum hat Bodenfenster, die hinter den schweren grauen Vorhängen versteckt sind. Was ist das für ein Material, Leinen? Unter der weißen Bettdecke fühlt sich mein Körper schwer an. Meine Haare riechen nach dem sebamed Shampoo, das ich aus Berlin mitgebracht habe, und ich höre Autogeräusche, das Brummen der Klimaanlage und das Wirren in meinem Kopf.
Sechs Stunden später
Durch die Iphone-Speaker läuft Paul McCartney & Wings: Band on the Run, 1973. Gelegentlich dringen Autogeräusche von draußen herein. Verschlafen blicke ich vom Tisch aufs Fenster, hinter den Vorhängen erkenne ich die wehenden Palmäste. Frühstück auf dem Tisch: Müsli, etwas gesüßt, eine Tasse Americano. Ich vermisse meine Espresso Maschine in Berlin. Der Hals ist noch trocken, die Stimme rau. Ich drehe die Klimaanlage ab, schaffe es aber nicht, die richtige Temperatur einzustellen. Entweder zu kalt oder zu warm. Lunch: 3 Onigiris für jeweils 60 cent, gekauft in der Mall nebenan. Mit benebeltem Kopf streifte ich durch die Gänge, ohne die Regale wirklich zu studieren, und gab schließlich auf; das ist eine Aufgabe für einen anderen Tag. Ich habe um 17 Uhr Ortszeit einen Onlinetermin und weiß gerade nicht, wie ich es schaffen soll, so lange wachzubleiben.
Freitag
Ich bekomme Nachrichten mit Fotos vom Schneegestöber in Berlin. Ich will ins Schneegestöber in Berlin.
Samstag
Sechs Stunden ununterbrochenen Schlafs. Der Rachen fühlt sich noch rau und trocken an. Warum bin ich so fertig? Wahrscheinlich liegt es am Azithromycin, das ich am 31. Dezember, acht Stunden vor dem Silvesterfeuerwerk, verschrieben bekommen habe. Der Arzt sagte, die Wirkung des Antibiotikums halte noch zehn Tage nach der dritten und letzten blauen Tablette an. Ich kann aber den Samstag nicht verschwenden lassen, also gehen T und ich raus und erkunden die Stadt.
Die Stadt ist ein Geräuschchaos, und ich finde die Luftverschmutzung beängstigend. Der Himmel ist farblos, leicht gräulich. Irgendwo wird Wasser auf den warmen Asphalt gegossen, aber es ist nicht heiß genug, um zu verdampfen. Saxophonmusik spielt in Buchläden und melancholisches Klavier in Bánh-Mì-Buden. Märkte, Open Air Konzerte, Autohupen, das Schleifen von Gummi und Metall auf den Straßen, Gossip und Gequatsche – alles vermischt sich zu einem Geräuschwirren in meinem Kopf. Delirisch vom Jet Lag und der Reizüberflutung fühle ich mich dissoziiert und am Rande des Geschehens. Das Leben findet in jeder noch so verlassenen Ecke statt, mal langsames Leben, mal turbulentes Leben. An Straßenrändern begegne ich älteren Damen mit konischen Bambushüten, die Kumquats schälen, den Pho essenden Grüppchen aus Alt und Jung, barfüßigen Männern mit hochgerollten Hosen, die auf ihren Mopeds dösen oder Zeitung lesen, und unzähligen leblosen, aufs Handy starrenden Augen. Ich nehme den Lipgloss aus der Tasche raus, trage ihn auf. Er schmeckt nach Wassermelone. Ich fahre mit der Zunge über die Lippen, schmecke die klebrige glitzernde Substanz. Sie erdet mich. In jeder Straße gibt es ein Nagelstudio, 1,50 Euro pro Finger. Vielleicht ist Ho Chi Minh City der Ort, an dem ich meine Weiblichkeit finde. Meine Mutter würde sich freuen. Schellac-Nägel in schimmerndem Silber, eine blaue, kinnlange Perücke, Glitzerperlen um die Augen. Am Körper eine cremefarbene, paillettenbesetzte Schlaghose und ein weiß glitzerndes, ärmelloses Shirt. Über den Schultern ein lila Faux-Fur-Mantel. In Ho Chi Minh City finde ich Extravaganz – oder Extravaganz findet mich. Nicht umsonst schmeckt mein Lipgloss nach Wassermelone. Ich will in die Ecken, wo alles fließt, als würden die Menschen hier eine Weile nach der anderen reiten. Sie lachen, sie weinen, sie schreien, nichts ist ihnen zu viel, alles zu wenig. In diese Ecken möchte ich, da zieht es mich hin. Ob Ho Chi Minh City für die Furchtlosen ist? Oder besser: für die Mutigen? Ich habe 90 Tage Zeit, um es herauszufinden.

