Vielleicht gibt es ja auch etwas, das ich dir geben kann.

Ich fülle meine Abende mit social events: Abendessen und Drinks in Restaurants am anderen Ende der Stadt, Arbeitsmeetings vor Ort und nicht via Zoom, Netzwerktreffen mit fremden Frauen, die Freundinnen suchen. Ich wünsche mir Nachbarn, die freundlich sind und am Sonntagmorgen an meiner Wohnungstür läuten, weil sie nicht genug Zucker für ihren Apfelkuchen haben. Die auf meinen Hund aufpassen. Ich habe keinen Hund, aber wenn ich einen hätte, dann wünsche ich mir Nachbarn, die auf ihn aufpassen würden. Ich wünsche mir spontante Kaffeebesuche von Freunden, die ich verschlafen im Bademantel empfange. Pfannkuchen und gemeinsame Mittagsspaziergänge im Volkspark Friedrichshain. Aber wer ist schon heutzutage extravertiert und hat Zeit für sowas.
Ganz spontan nahm ich an einer Veranstaltung teil, wo ich … let’s call her … Dianna kennenlernte. Wir unterhielten uns den ganzen Abend, das Gespräch verlief ungezwungen, entspannt. Wir beschlossen gleichzeitig zu gehen, verließen das Lokal und gerieten viermal in diesen kleinen Abschiedstanz, bei dem wir uns verabschiedeten, um dann festzustellen, dass wir doch in dieselbe Richtung fuhren.
U-Bahn?
Ja. Anschluss?
M10.
Ich auch. Station?
XY. Du?
Oh, ich auch!
Meine Nachbarin (sie lebt im Haus daneben), in Berlin. What are the chances? Das Universum warf mir einen Knochen zu. Bei einer anderen Veranstaltung lernte ich … Althea kennen. Eine Woche später fragte sie mich auf Instagram, ob wir uns am Dienstag auf einen Drink treffen wollen. Wir verabredeten uns für 17 Uhr im Michelberger Café bei der Warschauer Straße, es hat zwei riesige Luster mit organgebarbigen Glaskugeln und Bücher mit Stockflecken. Ich fuhr mit der M10 hin und sie kam zu Fuß, direkt nach der Arbeit. Wir streiften unsere vier Kleidungsschichten ab und sanken in die tiefe Couch in der Ecke, direkt neben einer Schwingtür, die im Minutentakt aufsprang und kalte Luft in den Raum strömen ließ. Ich wollte vorschlagen, dass wir uns umsetzen, aber Althea schien ungestört, also ließ ich es sein, aus Angst zu pingelig rüberzukommen.
Wir tranken heiße Schokolade, und sie erzählte von Griechenland, von ihrem Umzug nach Berlin im August und davon, dass ihr Bruder schon seit zwölf Jahren hier lebt. Sie schwärmte von ihrem Lieblingsdichter (Ocean Vuong) und deklarierte, dass sie Feministin sei und sich wünsche, ihr Freund würde öfter aus Eigeninitiative die Wohnung aufräumen und endlich kochen lernen. Anscheinend bereite er immer dieselben fünf Gerichte zu, obwohl sie sich mehr kulinarische Abwechslung wünsche. Ob das eine Metapher für etwas Größeres war, kann ich nicht einschätzen. Als hätte sie meine Gedanken gelesen, fügte sie hinzu: Es klingt so, als würden wir oft streiten, tun wir aber nicht. Ich glaube, ich verstehe, was sie meint. Manchmal sagt man Dinge, die anders klingen, als man es beabsichtigt hat. Sie erzählte mir, dass in zwei Tagen ihr Geburtstag sei und sie zu diesem Anlass einen Tisch für drei in einem Restaurant ihrer Wahl sowie eine lustige Aktivität für danach reserviert habe. Sie wollte nicht länger darauf warten, dass andere ihr das geben, was sie braucht. Amen. Nach zwei Stunden umarmten wir uns zum Abschied, sie: I really enjoyed myself und ich: Me too. Smile, smile, wave wave, bye bye!
Blöd, dass ich im Januar für drei Monate nach Vietnam gehe (dazu später mal mehr). Aber eigentlich ist es gut. Tapetenwechsel tut mir gut. Ich werde remote arbeiten, will aber auch endlich den Roman voranbringen, für den ich aktuell nur sporadisch Zeit finde. Ich hoffe, dass die Zeitverschiebung (+ 6 Stunden) mir dies ermöglichen wird. Gestern las ich in einem Artikel, dass Ottessa Moshfegh The 90-Day Novel als Basis nutzte, um Eileen zu finalisieren. Ich interpretiere das als ein Zeichen. Sie fand den Prozess zwar langweilig, aber langweilig ist gut. Langweilig ist Disziplin, Routine. So kommt man voran. Ich bestelle das Buch auf Medimops – weitere 13,77 Euro für die Plattform, die allein von meinem Geld überleben könnte.
Sonntag, 30. November. 22:21.
Ich liege auf der Couch, das Licht ist aus, und ich starre meinen wunderschön leuchtenden Weihnachtsbaum mit selbst gebastelten Discokugeln an. Beim Schmücken sehnte ich mich nach einem Gefühl von Nostalgie, Vergangenheit und der Jahrtausendwende. Das Geheimnis für den Retrolook ist die bunte Lichterkette. Das weiße und goldene Licht schaffen eine moderne, aber kühle Atmosphäre – die roten, orangefarbigen und grünen Lichter versetzen dich dafür sofort zurück in einfachere, langsamere Zeiten. Beim Anblick wird mir warm im Bauch, ich fühle mich angekommen und geborgen. Das Gefühl ist so stark, dass ich nicht mehr im Schlafzimmer schlafen möchte. Als Kind fürchtete ich mich häufig vor dem Schlafengehen. Ich wollte lieber im hellen Wohnzimmer mit schieren Vorhängen bleiben, umgeben von Büchern und dem beruhigenden Rauschen des Fernsehers; das fuhr mein Nervensystem runter. Im Wohnzimmer hatte ich weniger Albträume. Das hat sich bis heute nicht wirklich geändert. Ich habe eine Freundin, die von Stränden, Meer und Sonne träumt. Menschen, die von Stränden, Meer und Sonne träumen, werden nicht von Angstzuständen heimgesucht. Sie sind stabil, entspannt und ruhig und zerdenken nicht jedes kleine Detail. Zumindest glaube ich das. Als ich noch klein war und in Belarus lebte, klebten an meiner Zimmerdecke Sterne, Kometen und Planeten aus Phosphor, die hatte mir mein Vater aus den USA geschickt. Pakete versenden konnte er gut, vor allem Pakete mit Barbies, denen ich die Haare abschnitt. Eine Barbie mochte ich besonders gern. Sie hieß Butterfly Princess und hatte ein rosa Kleid mit Puffärmel und Schmetterlingen aus Plastik. In der Hand hielt sie einen Zauberstab in Form einer Rose, in dem ein Magnet verborgen war. Berührte man damit die Schmetterlinge, schlossen sich die Flügel. Ich liebte diese Barbie und meinen abwesenden Vater dafür, dass er sie mir gekauft hatte. Ich wüsste gern, wo diese Barbie heute ist.
Für alles andere, was einen Vater ausmacht – da sein, Verantwortung übernehmen –, war er weniger geeignet. Wenn ich mich als Jugendliche mit meiner Mutter stritt, sagte sie manchmal mit tiefer, enttäuschter Stimme, ich würde sie an ihn erinnern. Vielleicht fürchte ich mich deshalb in meinen dunkelsten Stunden davor, eines Tages so zu werden wie er: mich nicht fürs Leben zu binden, mich für immer zu isolieren, mein wahres Ich vor anderen zu verstecken, bis irgendwann niemand mehr anruft. Dann halte ich mir vor Augen, dass ich viel Liebe in meinem Leben habe, aber auch viel davon in mir trage und weitergebe – und dass ich mich deshalb nicht von solchen Gedanken sabotieren lassen sollte.
Das Schwelgen in Nostalgie bringt mich, wie so oft, dazu, über das Älterwerden nachzudenken. Neulich sprach mich in der S-Bahn ein junger Typ an. Er saß links von mir im Fahrradabteil, trug Skinny Jeans und am Oberkopf kurze blonde Locken, während die Seiten komplett rasiert waren. Er hielt an seinem Rad fest. Ich war mit einer Freundin auf dem Heimweg von einer Geburtstagsparty, und wir unterhielten uns über TRE, das ich in ihrem Workshop ausprobiert hatte. TRE ist eine Methode, bei der man angestauten Stress im Körper mit neurogenem Zittern löst. Hat wunderbar geklappt. Jedenfalls fand der Typ das Gesprächsthema faszinierend und stellte eine Menge Fragen dazu. Als meine Freundin ausstieg, unterhielten wir uns weiter, über seine WG in der Schönhauser Allee, die er mit seinem besten Kumpel teilt, über Reisen, Schreiben.
Dann unterbrach er mich: Du hast “ur” gesagt, bist du Wienerin?
Ich: Mehr oder weniger, eher weniger.
Scheinbar verbrachte er ein Jahr in Österreichs Hauptstadt, sogar sein WhatsApp laufe noch über eine österreichische Nummer. Okay.
Er: Hm, tolle Museen, ja.
Schweigen.
Ich: Etwas langweilig?
Er, lachend: Etwas langweilig, ja.
Er studiert Journalismus, will Reisereporter werden. Die Welt erkunden. Süß.
Sein Rad hatte einen Platten – da war er „einmal in Neukölln unterwegs“ – deswegen fuhr er nun mit der S42 nach Hause. Er schien fasziniert, dass man Menschen auch auf diese Weise kennenlernen kann, dann grinste, als würde er etwas Verbotenes denken, es aber nicht teilen wollen. Als ich bei der Landsberger Allee aussteigen wollte, fragte er mich in letzter Minute, ob wir uns auf Insta connecten wollen. Ich hatte keine Zeit nachzudenken und tippte schnell meinen Namen in sein Handy.
Am nächsten Tag schrieb er mir, dass er so etwas eigentlich nicht mache – oder, wie man sieht, eigentlich doch mache –, habe aber so ein kosmisches Gefühl, er müsse mir schreiben, weiß aber nicht, wie er unser Treffen deuten soll: ob wir auf ein Date gehen wollen oder ich ihm ein Praktikum organisieren soll? LOL.
Ich fühlte mich einerseits geschmeichelt, andererseits auch irgendwie beleidigt, war aber zu neugierig und fragte, ob ihn der Altersunterschied denn nicht abschrecke.
Er: Das hängt davon ab, ob die Gesellschaft das sagt oder du. Ich bin 25.
Wie Gen Z von ihm.
Sein Insta ist voller Selfies, Strandaufnahmen, Hoffnung und Freiheit, und ich bewundere das, denn welche Hoffnung, welche Freiheit? Ich denke daran, wie es einmal war, mit 20 an etwas Großes zu glauben – an all die Möglichkeiten, an eine Welt, die so weit und offen und dennoch erreichbar schien, und an eine Zukunft, die glänzte und pulsierte und jetzt leider nicht mehr glänzt und nicht mehr pulsiert.
Er schrieb – very on brand – dass es keine Zufälle gibt und dass wir herausfinden sollten, warum wir uns getroffen haben.
Vielleicht gibt es ja auch etwas, das ich dir geben kann.
Es ist so Hollywood rom-com coded, wie The Idea of You mit Anne Hathaway und Nicholas Galitzine, also sweet, aber auch etwas erotisch? Etwas, das ich dir geben kann. Irgendwie auch berührend. Ein vielschichtiger Mann.
Fast hätte ich ihn gefragt, ob er mir seine Birth Chart schickt, das war mir dann aber doch zu anstrengend. Das Gespräch ist schnell abgeflaut.
Montag, 1. Dezember, 6:35.
Ich fühle mich müde, weil ich gestern Nacht elends lang nicht einschlafen konnte. War es Vollmond? Nein, bloß eine Novembernacht und meine verspätete Periode. Ich bleibe noch eine Weile unter meiner Daunendecke liegen, die Haare duften schön nach John Frieda Conditioner. Draußen ist es stockdunkel, ich lese ein bisschen Substack, bevor der Automatismus einsetzt: Aufstehen, Wollsocken anziehen, schnell ins Wohnzimmer, um den Weihnachtsbaum einzuschalten – hallo Hübschi –, dann die Speaker. Plums von Parking Lot. Fühlt sich an wie California living in meinem PBerg Wohnzimmer. Ich zünde die Alpenluft Kerze von Grüne Erde an, gehe in die Küche, lasse die Lavazza Kaffeebohnen mahlen. Zehn Minuten später am Schreibtisch: heißer Espresso in meiner Lieblingstasse von Miio, ein Glas gefilterten Wassers, die neue Blaulichtfilterbrille von YUN und mein Laptop. Längst Zeit, den Arbeitsalltag zu beginnen, doch die Resistenz ist hoch. Ich habe heute eine Deadline, doch es widerstrebt mir, mich ranzusetzen. Etwas in mir hat sich in den letzten Tagen verändert. Alles in mir will nur schreiben. Diesen Substack, Gedichte, Kurzgeschichten, mein Buch. Vielleicht ist es nun an der Zeit, die Karten endlich auf mich selbst zu setzen.


